Gefühle am Arbeitsplatz

Raus aus der Drama-Schleife

Gefühle und Emotionen gehören zum Menschen wie die Luft zum Atmen. Im Job stehen sie uns manchmal scheinbar im Weg und erschweren die Zusammenarbeit.

Emotionale Kompetenz spielt überall dort eine besonders große Rolle, wo es um Kooperation geht. Wann immer Menschen gefordert sind, unterschiedliche Kompetenzen und damit auch Sichtweisen zusammenzufügen, kommen früher oder später Gefühle und Emotionen ins Spiel. Emotionale Kompetenz ist letztlich die Fähigkeit, mit Spannungen umzugehen. Spannungen sind per se weder gut noch schlecht. Wie wir mit diesen umgehen, bestimmt jedoch, ob sie als kreatives Potenzial genutzt werden oder zu einer Blockade in der Zusammenarbeit führen. Gelingt ersteres, wird kollektive Intelligenz im Team möglich; geschieht zweiteres, ist die Gruppenintelligenz niedriger, als die jedes einzelnen Teammitglieds – eine traurige Bilanz.

Eine große Herausforderung sind emotionale Altlasten, die aus irgendwelchen Gründen in die Gegenwart hineinspielen – meist ohne, dass wir uns dieser Tatsache bewusst sind. Die Empfindungen, die hier ausgelöst werden, sind oft sehr stark und im Gegensatz zu den reinen Gefühlen alles andere als praktisch. Das sind die Momente, in denen unsere emotionale Steuerung versagt und wir Dinge sagen oder tun, die wir später bereuen.

Wichtig und hilfreich ist es, Gefühle und Emotionen und deren Wirkweise zu verstehen. Der Gefühlskompass ist ein innerer Navigator zu fünf wesentlichen Gefühlskräften, der uns in den Stürmen des Lebens Halt und Orientierung bietet. Diese Gefühle in ihrer gesunden Form befähigen uns, mit allen Situationen im Leben angemessen umzugehen. Wut z.B. befähigt uns dazu, klare Entscheidungen zu treffen und zu handeln – also das zu ändern, was wir ändern können. Angst ermöglicht es uns, dem Unbekannten und Ungewissen zu begegnen – also uns auf das einzulassen, was wir weder annehmen noch verändern können.

Emotionale Steuerung ist in allen Lebensbereichen wichtig, das gilt im Job genauso, wie in der Kindererziehung und sie ist ein wichtiger Aspekt emotionaler Kompetenz. Leider wird emotionale Steuerung oft mit der Fähigkeit, Emotionen gut wegzupacken, verwechselt. Das ist in den Augen der Gefühlsexpertin Vivian Dittmar eher ein Zeichen emotionaler Inkompetenz.

Eine gesunde emotionale Steuerung befähigt, Gefühle und Emotionen zuzulassen und mit ihnen so umzugehen, dass sie zu konstruktiven Kräften in meinen Beziehungen werden, sei es im Privatleben oder an unserem Arbeitsplatz. 

Der emotionale Rucksack

von Vivian Dittmar

Während es bis vor kurzem für Führungskräfte noch okay war, angestaute Emotionen ab und zu an Mitarbeitern abzureagieren, ist diese Lösung heute immer weniger salonfähig. Führungskräfte sind also gefordert, einen neuen Umgang mit Emotionen zu finden – und das nicht nur, wenn sie hochqualifizierte und entsprechend selbstbewusste Mitarbeiter auf Dauer halten wollen. Das gleiche gilt natürlich auch unter Kollegen. 

Denn der Abschied vom Command-and-Control-Verhalten bedeutet auch, dass mehr Beziehungen auf Augenhöhe gelebt werden – wodurch Gefühle und Emotionen und emotionale Kompetenz plötzlich einen neuen Stellenwert bekommen.

Emotionale Altlasten verzerren unsere Wahrnehmung

Eine besondere Herausforderung stellt der Umgang mit emotionalen Altlasten dar. Diese nicht gefühlten Gefühle aus der Vergangenheit trägt jeder in seinem emotionalen Rucksack mit sich herum. Wir haben ständig mit ihm umzugehen – ob es uns bewusst ist oder nicht. Konkret bedeutet das, dass immer wieder Dinge passieren, die in uns unangemessene Reaktionen auslösen.

Oft sind es nur Kleinigkeiten, die diese Reaktionen in Gang setzen: ein Kollege, der zu spät zu einer Besprechung erscheint. Eine bestimmte Art unseres Chefs, uns an eine Deadline zu erinnern. Eine E-Mail, die aus Versehen ohne Anhang rausging. Was uns meistens nicht klar ist: Diese emotionalen Prozesse gehören nicht direkt in die gegenwärtige Situation. Sie sind Überreste aus vergangenen Erfahrungen, die wir nicht verarbeitet haben. Deshalb reagieren Menschen auch so unterschiedlich auf diese Stressoren. Was den einen auf die Palme bringt, ist für den anderen kein Thema. 

Emotionale Altlasten belasten berufliche und private Beziehungen

Diese nicht verarbeiteten Erfahrungen warten in unserem Rucksack auf eine Gelegenheit, gefühlt zu werden. Dabei ist es für unser System gar nicht gesund, diese über Jahrzehnte mit uns herumzutragen. Doch das, was für unsere emotionale Heilung gut wäre, ist nicht unbedingt gut für unsere Beziehungen. Ganz im Gegenteil, berufliche und private Beziehungen können sehr darunter leiden, wenn immer wieder emotionale Altlasten ins Spiel kommen – vor allem wenn uns das nicht bewusst ist.

Emotionale Aktivierungen bei uns selbst und anderen zu erkennen, ist der erste Schritt, um einen neuen Umgang mit diesen herausfordernden Situationen zu entwickeln. Vivian Dittmar vergleicht emotionale Ladungen in Konfliktsituationen gerne mit Alkohol am Steuer: Wenn ich weiß, dass ich alkoholisiert Auto fahre, ist das schon schlimm genug. Wenn mir jedoch nicht klar ist, dass ich betrunken bin, ist das ungleich gefährlicher. Und natürlich ist ein Bewusstsein, dass ich gerade nicht ganz bei mir bin, die Voraussetzung dafür, dass ich mich in diesem Zustand nicht ans Steuer setze bzw. keine wichtigen Auseinandersetzungen führe. 

2019-01-22T13:11:20+00:00