Warum der Wohlstand jetzt von der Kultur der Zusammenarbeit abhängen wird

Arbeit ist, Probleme zu lösen. Und weil wir immer Probleme haben werden, wird uns auch niemals die bezahlte Arbeit ausgehen. Zugegeben: Elektronisch gesteuerte Maschinen übernehmen den größten Teil der materiellen Arbeit, Computer die strukturierte Informationsarbeit wie Gehaltsabrechnung, Telefonvermittlung und Robotersteuerung. Was aber wächst, ist die Arbeit am Menschen, die kleinteilige materielle Arbeit – Küche und Bad werden auch weiterhin von Handwerkern saniert , sowie vor allem das Anwenden von Wissen: Planen, organisieren, beraten.

Wer ein Thema im Internet sucht, bekommt Daten. Aber er muss in der Lage sein, sie zu deuten und zu gewichten. Dazu benötigt er Orientierungswissen und Erfahrung. Zahllose Softwareprojekte enden als „Schrankware“, weil der Programmierer keine Ahnung hat von den Informationsprozessen in der Firma, sich der Mittelständler nicht verständlich ausdrückt und ihm ständig neue Wünsche einfallen – sie landen im Schrank, eben als „Schrankware“. Das ist keine Frage von technischer Machbarkeit, sondern des Denkens und der Kommunikation zwischen Menschen.

Das Produzieren fällt bei vielen Gütern finanziell weniger ins Gewicht als sie zu entwickeln, zu designen und zu vermarkten. Dieses Arbeiten mit Wissen macht den größten Teil der Kosten aus. Die Wirtschaft wächst dadurch in die gedachte Welt hinein – und dort gibt es keine Grenzen des Wachstums.

Natürlich gibt es materielle und ökologische Grenzen des Wachstums – bei „Dingen“ wie Autos oder Kühlschränken, aber nicht für den Umgang mit Wissen. Ob jemand arbeitslos zu Hause herumsitzt, oder zu Hause herumsitzt und Folien designt, recherchiert oder ein Beratungskonzept entwirft – für den Ressourcenverbrauch spielt das kaum eine Rolle. Wenn es gelingt, eine nachhaltige Energieversorgung aufzubauen, dann kann die immaterielle Wertschöpfung ins potentiell grenzenlose wachsen.

Auch für weniger Gebildete gibt es in Zukunft Wissensarbeit, etwa in dem begrenzten Bereich, ein neues Handy zu erklären – dafür muss jemand nicht Elektrotechnik studiert haben. Diese positiven Visionen sind wichtig, um den Wandel zu gestalten. Nun reagiert das menschliche Gehirn eher auf schlechte Nachrichten. So haben die nassforschen Ellenbogen-Propheten derzeit ein leichtes Spiel auf den Kongressbühnen der Verbände und Unternehmen, wenn sie erzählen, dass bald 40% der Arbeitsplätze wegbrechen werden und alle untergehen, die ihm nicht folgen. Doch nur mit mehr Digitalisierung gibt es mehr Arbeit als vorher. Das Problem mit diesen Weltuntergangsrednern ist, dass sie Angst verbreiten und eine Stimmung, die die Menschen sich vor der Zukunft fürchten lässt. Sie gehen dann in Abwehrhaltung, entsolidarisieren sich und werden zu rücksichtslosen Darwinisten wie auf dem sinkenden Schiff im Kampf um einen Platz im Rettungsboot. Nur mit positiven Bildern von der Zukunft, die nebenbei auch noch die realistischen sind, werden die Menschen die Kraft haben, den Wandel zu gestalten und sich zusammenzuschließen, um überindividuelle Probleme anzugehen.

Denn die historische Wahrheit ist: Nur weil die Dampfmaschine half, Pumpen anzutreiben, die die Bergwerke entwässerten, war es möglich, mehr Erz und Kohle hoch zu schaffen. So ist das meiste an Digitalisierung, was als „Sau“ durchs Dorf getrieben wird, letztlich nur eine nachholende Digitalisierung, die vor zehn Jahren auch schon möglich war, aber bislang verschlafen wurde. Und vieles, was als künstliche Intelligenz verkauft wird, ist lediglich ein Programm, das die explodierte Datenmenge besser auswerten kann. Auch Industrie 4.0, die internetbasierte Produktionsweise, betrifft nur eine Minderheit von Beschäftigten. Dabei haben wir gar keinen Mangel an Dingen. Die meisten von uns wohnen in Häusern oder Wohnungen, die vollgestopft sind von Zeug, von unten im Keller bis oben unters Dach, über drei Generationen angesammelt. Statt an Dingen haben wir einen Mangel an Qualität, an Entwicklung, an Beratung, an Gesundheit; Wir haben einen Mangel an immateriellen Produkten!

Deswegen gehen die techniklastigen Diskussionen an der Wirklichkeit vorbei: Der Wohlstand entscheidet sich an der Frage, wie produktiv Menschen Wissen anwenden, und zwar nicht als Individualisten, sondern als Gruppe. Drei mittelmäßige Leute, die gut genug zusammenarbeiten, sind bedeutend produktiver als ein Super-Crack, bei dem es leider nicht gelingt, die Ergebnisse der Arbeitsteilung zusammenzuführen. Produktivität ist das Schlüsselwort für alles: Neue Arbeitsplätze entstehen nicht dort, wo die Löhne niedrig sind (dann müsste ja in Bangladesch Vollbeschäftigung sein!), sondern dort, wo Menschen im Umgang mit Wissen ausreichend produktiv sind. Wo die Produktivität am meisten voranschreitet, dort sinken die Kosten, wachsen die Gewinnmargen. Wo mehr Gewinn erwirtschaftet wird, wird mehr investiert, mehr unternommen, mehr Schulden aufgenommen. Dann steigen dort die Zinsen und locken das Kapital an, das weiteren Wohlstand ermöglicht. Das ist der Kern der aktuellen Wettbewerbsfähigkeit: Kapital kann sich jeder Unternehmer leihen, und sei es in Saudi-Arabien. Jeder Unternehmer kann weltweit jede Maschine und Anlagen für sich einkaufen. Jeder kann einen Spezialisten in Paris ein paar Stunden mieten, sich das Wissen der Menschheit aus dem Internet holen, seine Produkte dort vermarkten. Der einzige, der entscheidende Standortfaktor wird die Fähigkeit der Menschen vor Ort, mit Wissen umzugehen. Und das ist immer der Umgang mit anderen, die man unterschiedlich gut kennt und mag, und mit denen man unterschiedlich viele, berechtigte Interessenskonflikte hat. Die Kultur, das auszukarteln, das WeQ, bestimmt letztlich die Produktivität und damit, wie viele Arbeitsplätze in einer Gesellschaft rentabel sind. Das ist die Diskussion, die wir jetzt eröffnen sollten.